
„Herr Zipper, Ihre Web-to-Print Veranstaltungen in den letzten beiden Jahren waren sehr erfolgreich. Was macht Web-to-Print so interessant?“
Bernd Zipper: „Um es klar zu sagen, die hohen Rationalisierungsmöglichkeiten durch hoch automatisierte Prozesse in der Produktion – aber auch in der Erzeugung von Druckvorlagen, machen Web-to-Print zu „dem“ Thema der nächsten Jahre. Der große Zuspruch für das 2. Web-to-Print Forum mit über 200 Teilnehmern zeigt meiner Meinung nach ganz deutlich die hohe Aktualität von Web-to-Print. Interessant wird das Thema insbesondere durch die hohen Einsparungspotentiale in Sachen Zeit, Kosten und Ressourcen in der Druckproduktion. Außerdem ist die Service-Erweiterung durch 24h Service natürlich ein besonders großer Pluspunkt von Web-to-Print im Vergleich zu Druckaufträgen, welche nur während der gängigen Geschäftszeiten aufgegeben werden können. Bringt man es auf den Punkt, wird Web-to-Print in Zukunft das „virtuelle Ladenlokal“ für jeden Medienschaffenden werden.“
„Was versteht man eigentlich alles unter Web-to-Print?“
Bernd Zipper: „Für mich – und viele Kollegen – ist Web-to-Print die servergestützte Online-Erzeugung von individualisierten Dokumenten unter Einbeziehung von kaufmännischen Prozessen im Druck- und Medienumfeld. Kurz: Ein Anwender – typischerweise der Kunde einer Druckerei – geht auf die Website seines Dienstleisters, sucht sich dort zum Beispiel das Layout einer Visitenkarte aus, befüllt dieses mit seinen individuellen Inhalten und bestellt anschließend 100 Visitenkarten, um nur ein einfaches Beispiel zu nennen. Allerdings muss man sehr genau aufpassen – einige Anbieter nennen auch das Versenden von Jobs an einen Drucker „Web-to-Print“ – und verlangen für einfache Upload-Lösungen vierstellige Beträge…“
„Welche Druckprodukte eignen sich besonders für Web-to-Print und welche nicht?“
Bernd Zipper: „Es eignen sich sehr viele Produkte für Web-to-Print. Würde ich jetzt alle aufzählen, wäre die Liste sehr lang. Im Bereich Business-to-Business (also für Unternehmen) wären hier einige Beispiele wie z.B. Geschäftsdrucksachen, Datenblätter, Flyer, Mailings und Werbemittel zu nennen. An den Endkunden (also Business-to-Customer) richten sich vor allem Drucksachen wie Visitenkarten, Briefpapier, Grußkarten, personalisierte Bücher und die immer beliebter werdenden Fotobücher.
Natürlich lässt sich diese Liste noch beliebig erweitern und zeigt nur einige typische Beispiele. Ist ein Produkt für eine reine Massenauflage geschaffen, also Bücher und Druckprodukte ohne individuellen Charakter, dann ist sicherlich Web-to-Print nicht das Verfahren der Wahl.“
„Welche Geschäftsmodelle des Web-to-Print gibt es und welche sind besonders erfolgreich?“
Bernd Zipper: „Hier kommt es auf das Branchenumfeld an. Eine Agentur kann mit einem System wie iBrams von der Peter Schmidt Group einen Kunden wie Lufthansa umfassend mit Web-to-Print und Kampagnenplanung glücklich machen, eine mittelständische Druckerei kann mit einem Visitenkarten-System aber ebenso erfolgreich sein. Bitte verstehen Sie Web-to-Print nicht als „Allround-Werkzeug“, sondern eher als „Service-Automatisierer“ oder als wunderbare Möglichkeit einen „virtuellen Laden“ zu eröffnen – was Sie dort verkaufen, hängt auch von der Qualität ihrer Waren ab. Insofern ist Web-to-Print eigentlich nur ein Weg des zeitgemäßen Vertriebs.“
„Welche Vorteile ergeben sich für den Kunden und für den Dienstleister durch den Einsatz von Web-to-Print-Lösungen?“
Bernd Zipper: „Für den Dienstleister stellt Web-to-Print eine Erweiterung seines Angebotspektrums und somit eine Erhöhung der Kundenbindung dar. Dem Kunden wird durch den Einsatz von Web-to-Print punktgenaues Publizieren, eine kostengünstigere Produktion und kürzere Laufzeiten ermöglicht. Und neben den gerade genannten Vorteilen für den Dienstleister, macht ein zufriedener Kunde den Dienstleister glücklich.“
„Was sind die technologischen Grundlagen für Web-to-Print und auf welche Standards sollte man bei der Auswahl einer Lösung achten?“
Bernd Zipper: „Da Web-to-Print ja die onlinegestützte Erzeugung von Druckvorlagen ist, ist das Internet natürlich die absolute Voraussetzung. Die wichtigsten Technologien die genutzt werden, sind sicher das PDF-Dateiformat, als Container für den späteren Druckjob und XML, zur Strukturdefinition. Die aufbereiteten Druckdaten werden im Optimalfall als PDF/X direkt mit allen nötigen Informationen für den Druck ausgegeben. Die dazu verwendete Technologie kann sehr unterschiedlich sein. Die einen setzen auf Flash, die anderen eher auf Java oder PHP. Wichtig auf alle Fälle: Jeder Anwender sollte versuchen zu ergründen, ob das System das er erwerben möchte, irgendwelche proprietären Dateidefinitionen enthält. Ist dies der Fall, gilt es Vorsicht walten zu lassen.“
„Kann man auf Standard-Lösungen zurückgreifen oder empfiehlt es sich eine eigene Lösung zu stricken?“
Bernd Zipper: „Die Frage nach der Standardlösung oder einer Eigenentwicklung ist nicht pauschal zu beantworten, es kommt immer auf die Anforderungen des einzelnen Unternehmens an. In vielen Fällen stellen Standardlösungen sicher einen guten Einstieg in das Thema Web-to-Print dar. Da es viele verschiedene Anbieter gibt, ist die Auswahl natürlich nicht leicht. Man sollte sich schon im vorhinein gut informieren, was die einzelnen Lösungen denn so können, und welche Anforderungen man an das Web-to-Print System hat. Außerdem ist eine enge Zusammenarbeit mit dem Web-to-Print Anbieter unumgänglich, da es mit einer einmaligen Implementierung nicht getan ist. Backup, Updates und ein Auge auf die Neuerungen im Bereich Web-to-Print sind immer nötig.“
„Wie unterscheidet sich das Angebot an den verfügbaren Web-to-Print-Lösungen und wo können Probleme auftreten?“
Bernd Zipper: „Das Angebot ist sehr breit gefächert. Es gibt mittlerweile für jeden Fall die passende, oder anpassbare Anwendung auf dem Markt. Es gibt jedoch ein paar Lösungen, die eher kontraproduktiv sind und die auf Technologien aus dem letzten Jahrtausend aufsetzen – hier gilt es vorsichtig zu sein. Probleme treten vor allem immer dann auf, wenn eine zu große Abhängigkeit an einen Anbieter entsteht. Auf zwei Beinen kann man immer besser stehen…“
„Welche Dinge gilt es in Verbindung mit den Web-to-Print-Lösungen zu verbessern?“
Bernd Zipper: „Leider vergessen heutzutage manche Anbieter von Web-to-Print System noch immer genau über ihr System und die Details aufzuklären. Ein Vergleich der einzelnen Systeme ist auf Grund der großen Masse sehr schwer. Deswegen kann ich immer nur raten, informieren Sie sich gut, bevor Sie sich für eine Lösung entscheiden. Ferner ist bei vielen Systemen die JDF-Anbindung entweder grauenhaft – oder schlicht nicht vorhanden. Web-to-Print in Druckereien ist aber vor allem dann sinnvoll, wenn wirklich die gesamte Produktion automatisiert wird. Hier eröffnet sich das Potential von JDF erst richtig“
„In Ihren Vorträgen sprechen Sie auch von Vorteilen für die Druckproduktion im Hinblick auf umfassende Automatisierung. Wie ist das Thema Preflight und Proofing gelöst?“
Bernd Zipper: „Viele Lösungen bieten die Möglichkeit, dass ein automatischer Preflight-Check der Ausgabedaten stattfindet. Da das PDF online generiert wird, entsteht auch die Möglichkeit des Remote-Proofings. Die wenigsten Anbieter haben jedoch von Anfang an eine solche Lösung – daher kommt es auch auf das geschickte Kombinieren von Technologien an.“
„Worauf sollte man bei der Implementierung einer Web-to-Print-Lösung achten?“
Bernd Zipper: „Um Fehlschläge zu vermeiden, ist ein gut ausgearbeitetes Konzept unumgänglich. Die sollte man extern von Profis überprüfen lassen und sich ggf. Hilfe holen. Nur so kann die spätere Implementierung erfolgreich über die Bühne gehen. Wir, als Beratungsunternehmen, machen für unsere Kunden eine Fallanalyse und selektieren gemeinsam die richtige Lösung, die zum Kunden und zum Budget passt. So kann unser Kunde unsere Erfahrung nutzen, ohne auf den „Bauch zu fallen“.“
„Mit welchen finanziellen Größenordnungen muss man bei Web-to-Print-Lösungen rechnen?“
Bernd Zipper: „Finanzielle Größenordnungen lassen sich natürlich nicht pauschal angeben. Es gibt Lösungen im Bereich von 3000 Euro, eine Obergrenze gibt es nicht. Dem gegenüber steht ein entsprechendes Einsparungspotential in Werbung und Marketing.“
„Lassen sich Web-to-Print-Lösungen auch mit Management-Informationssystemen der Druckindustrie verknüpfen?“
Bernd Zipper: „Die Übergabe von Daten für die Abrechnung von Jobs an ein Management-Informationssystem wird von einigen wenigen Anbietern unterstützt, gehört aber sicher noch nicht zum Standard. Bemerkenswert ist hier, dass einer der kleinsten Anbieter – Trivet.net – direkt von Anfang an das MIS Pagina.net unterstützt und das schon im Standardlieferumfang. Generell ist eine solche Anbindung der Druckproduktion an Web-to-Print sinnvoll, vor allem weil so der Kunde seinen Job beim Drucker „tracken“ – also nachverfolgen kann.“
„Was treibt die Entwicklung von Web-to-Print voran und wie wird es die Druckbranche in den kommenden 10 Jahren verändern?“
Bernd Zipper: „Die weitere Entwicklung des Webs führt meiner Meinung dazu, dass in 10 Jahren Web und Print gleichwertige Medien sein werden. Das Internet wird durch hochwertigere Technologien aufgewertet – wenn man mal von einem solchen Quatsch bzw. Schlagworten à la „Web 2.0“ absieht – wird das Internet wirklich das Medium – jedoch Papier und Druck in keiner Weise in den nächsten 20 Jahren verdrängen. Das Thema Drucken bleibt sicher weiterhin wichtig, aber ich persönlich vermute, dass in ca. 10 Jahren das Druckereisterben in Deutschland einen Höchststand erreicht. Um da am Ball zu bleiben, kann ich deswegen heute nur raten, sich mit den aktuellen Technologien auseinander zu setzen und nicht länger zu warten.“









